Anne Rinn
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Wandzeichnung, Installation, Video
04. November 2010

Eröffnungsrede in der Galerie 5020 in Salzburg
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26.05.2006

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30.03.2005
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07.04. - 20.04.2005

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S√ľdkurier, Konstanz
25. Februar 2003
St. Gallener Tagblatt
01. März 2003
Katalog
Januar 2003

Mikrokosmos Zeitschrift f√ľr Mikroskopie 91, Heft 1 , 2002
Januar 2002

Text auf www.kx-Kampnagel.de (Galerie KX-Kampnagel Hamburg)

Adlershof Magazin (Heft 1, Seite 24 - 28)
November 2000

Kunstverein Zehntscheuer

Galerie Acud, Berlin
Berliner Morgenpost vom Sonntag
31. August 1997
Berliner Tagesspiegel (S. 24)
26. August 1997

INSIDER IM ELFENBEINTURM
Annäherung zwischen Kunst und Wissenschaft

Erschienen: November 2000
Medium: Adlershof Magazin (Heft 1, Seite 24 - 28)
Autor: Sylvia Nitschke

Wissenschaft nur noch im Elfenbeinturm? Kunst nur f√ľr Insider? Im Zeitalter rasanten technischen Fortschritts gibt es zwei Welten, die kaum gegens√§tzlicher sein k√∂nnten. Gibt es zwischen Kunst und Wissenschaft eine gemeinsame Sprache? F√∂rdert der Dialog den Blick f√ľr die Zusammengeh√∂rigkeit, verst√§rkt er die Wechselwirkung?

Internationales Begegnungszentrum, Berlin-Adlershof, Anfang Mai 2000: Ein Knistern liegt in der Luft, als Strichm√§nnchen √ľberblendet von kleinen durchsichtigen Gebilden √ľber die Leinwand huschen. Das erste Projekt im Dialog von Wissenschaft und Kunst wird vorgestellt _ "Rotatoria", ein ungew√∂hnliches Projekt, ein mutiger Versuch, Wissenschaft und Kunst in Adlershof zu vereinigen. Ungew√∂hnlich auch der Teilnehmerkreis: auf der einen Seite allgemein als rational n√ľchtern eingestufte Wissenschaftler, auf der anderen Seite K√ľnstler.

K√ľnstler und Wissenschaftler finden heute nur schwer eine gemeinsame Sprache. "Meine Texte waren knallhart, trocken, sehr strukturiert", erinnert sich Silvea Mohr, wissenschaftlicher Kopf des Rotatoria-Duos, an den Beginn des Projektes. "Anne Rinn (ihr k√ľnstlerischer Counterpart) dagegen schrieb poetisch, spielerisch, ja sogar ein bi√üchen geheimnisvoll: Ich war erschrocken, da√ü der Gegensatz allein in der Sprache schon so kra√ü ist und habe mich gefragt, wie man das vereinbaren kann.
Und damit trifft sie auch den Kern des Problems: Wenn Wissenschaftler und K√ľnstler heute in einen Dialog treten, treffen in der Regel Spezialisten aufeinander: Ihre Erfahrungen und ihr Wortschatz entstammen unterschiedlichen Welten. Ihre T√§tigkeitsfelder unterteilen sich in unz√§hlige Kleingruppe und Disziplinen, in denen sich jeweils eigene Sprachen und Codes entwickelten. F√ľr Au√üenstehende sind sie kaum noch verst√§ndlich.

Die Sperre zwischen Wissenschaft und Kunst zu durchbrechen ist darum Ziel des Adlershofer Kunstprojektes "Phasen", dessen erstes Produkt "Rotatoria" nun vorliegt. "Wissenschaft und Kunst haben doch eine ganze Menge gemein", betont Anne Rinn. "Alles beginnt mit einer Idee, in die ich ganz viel hineinzubringen versuche. Und man mu√ü dieser Idee nat√ľrlich einen Mantel geben, √§hnlich in der Wissenschaft, wo das wissenschaftliche Ergebnis eine Struktur haben mu√ü." Unverzichtbar ist auch "die Liebe zum Detail". "Ich finde es in sich spannend, hinter einen Mechanismus zu kommen, egal, ob etwas dabei herausspringt", schw√§rmt sie. Und Silvia Mohr nickt mit dem Kopf, denn auch sie forscht um des Forschens willen. Ihr Dissertationsthema "Der mikrobielle Umweg" - Basis des Kunstprojektes - ist reine Grundlagenforschung.

Die junge Wissenschaftlerin am Adlershofer Institut f√ľr Gew√§sser√∂kologie und Binnenfischerei erforscht seit drei Jahren die Fra√übeziehungen von Rotatorien und Einzellern. Rotatorien sind winzige, durchsichtige Wassertierchen, die sich schwebend in allen nur denkbaren feuchten Lebensr√§umen bewegen und den meisten von uns noch aus dem Schulunterricht als R√§dertierchen bekannt sein d√ľrften. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen steht die Frage: Wieviel Energie gelangt wirklich √ľber den mikrobiellen Umweg wieder in das klassische Nahrungsnetz? F√ľr den Wissenschaftler hei√üt das in Kurzform: die klassische Nahrungskette besagt, Sonnenenergie wird von Algen in organische Energie umgewandelt, die √ľber h√∂here Organismen wie die Rotatorien zu den Fischen und letztendlich auch bis zu den Menschen weitergereicht werden kann. Aber Algen geben einen Teil der energiereichen, organischen Substanz ans Wasser ab. Diese Energie nimmt einen Umweg √ľber ein anderes, n√§mlich das mikrobielle Nahrungsnetz, das aus Bakterien und Einzellern besteht. Fressen nun Rotatorien diese Bakterien oder Einzeller, flie√üt die Energie wieder in das klassische Nahrungsnetz zur√ľck.

Kann aus diesem wissenschaftlichem Thema ein k√ľnstlerisches Werk werden? Neugierig hat sich Silvia Mohr auf das Abenteuer eingelassen. Eher zuf√§llig lernte sie Anne Rinn, eine Berliner Installations- und Videok√ľnstlerin, kennen. Die beiden jungen Frauen waren begierig, in den Bereich der anderen hineinzuschnuppern. In diese Zeit fiel auch der Start des Adlershofer "Phasen"- Projekts, das den letzten Ansto√ü f√ľr die Umsetzung eines von Anne Rinn lang gehegten Wunsches gab, n√§mlich ein wissenschaftliches Thema mit dem notwendigen Background k√ľnstlerisch zu bearbeiten. Sie hat die Rotation aufgegriffen und in vier Filmschleifen in Beziehung zum Menschen dargestellt. Rotation gibt es auf jeder Stufe des Lebens, so Anne Rinns Blickwinkel. Und energetisch geladene Tiere und Menschen steigern sich mit ungeahnter Kraft in ihren K√∂rperbewegungen, bis sie sich, den Rotatorien gleich, um sich selbst drehen. Es beginnt ganz langsam im ersten Film mit einem Menschen, der sich in einer engen Kiste k√§fergleich, embryonenhaft um sich selbst dreht und durch Beschleunigung dieser Sequenz seine k√∂rperliche Identit√§t verliert. Der zweite Film zeigt eine auf dem Kopf stehende Gruppe von Menschen in der Kiste, die mit synchronen gem√§chlichen Bewegungen f√ľr einen kurzen Augenblick die Kiste √∂ffnen k√∂nnen. Dies m√ľndet in den dritten Film, in dem die Menschen aus der Kiste gesogen und ins Freie geschleust werden und sich als Strichm√§nnchen zwischen real gefilmten Rotatorien schwerelos t√§nzelnd weiterdrehen. Der vierte Film verbindet diese endlosen Kreisl√§ufe nunmehr nach dem Matrjoschka-Prinzip mit dem Fressen und Gefressenwerden und kreist damit um die Zerst√∂rung und Reproduktion des Lebendigen. Die Energie geht dabei auf dem Umweg nicht verloren, so Anne Rinns Fazit.
Der Beifall unter den wissenschaftlichen Zuschauern im Internationalen Begegnungszentrum in Adlershof war an jenem Tag noch eher verhalten. Silvia Mohr dagegen zeigte sich begeistert: "Niemals w√§re ich auf den Gedanken gekommen, eine Verbindung von Rotatorien zum Menschen herzustellen." Der Beitrag hat die anwesenden Wissenschaftler und K√ľnstler zu einer regen Diskussion herausgefordert und einen Schritt in Richtung Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst weitergebracht. Dennoch kann es eine wirkliche Symbiose von Kunst und Wissenschaft nur in einer Person geben, so die einhellige Meinung von Silvia Mohr und Anne Rinn.